Unendlicher Unwahrscheinlichkeitsdrive?
Unendlicher Unwahrscheinlichkeitsdrive?
Kurios und Lustig 11.08.2014 |   Ralf SchwalbeRalf Schwalbe

Unendlicher Unwahrscheinlichkeitsdrive?

Der Traum vom kostenlosen Treibstoff


Das klingt nach Science-Fiction. Und tatsächlich steht hier nicht weniger als eine mögliche Revolution der Raumfahrt im Raum.

Aber bevor man Euphorie zulässt, lohnt ein nüchterner Blick auf die Physik.

Das zentrale Problem: Impulserhaltung

Der EM-Drive ist als geschlossenes System konzipiert. Mikrowellen werden in einem Hohlraum erzeugt und reflektieren dort an den Innenwänden. Durch die spezielle Geometrie soll ein Netto-Schub entstehen.

Genau hier liegt das Problem.

Der Impulserhaltungssatz besagt:

In einem abgeschlossenen System bleibt der Gesamtimpuls konstant.

Ein abgeschlossenes System ist eines, das keine Wechselwirkung mit seiner Umgebung hat. Genau das beansprucht der EM-Drive zu sein. Wenn innerhalb eines solchen Systems Energie oder Impuls lediglich umverteilt wird, kann kein Nettoantrieb entstehen. Das System kann sich nicht „an sich selbst abstoßen“.

Ein anschaulicher Vergleich:
Man sitzt in einem Auto und drückt gegen das Armaturenbrett, um das Fahrzeug vorwärtszubewegen. Solange kein Kontakt zur Außenwelt besteht, bleibt das Auto stehen. Interne Kräfte heben sich gegenseitig auf.

Natürlich ist diese Analogie physikalisch grob – aber sie illustriert das Kernproblem sehr gut.

Konventionelle Raketen funktionieren, weil sie Masse ausstoßen. Das System wechselwirkt mit seiner Umgebung – selbst im Vakuum, denn es wird Reaktionsmasse beschleunigt. Dadurch entsteht ein Impuls in entgegengesetzter Richtung. Photonenantriebe sind ebenfalls möglich. Ein Laser, der nach hinten abstrahlt, erzeugt Schub – allerdings extrem gering. Der maximale theoretische Zusammenhang ergibt sich direkt aus der Relativitätstheorie:

Dabei ist P die Leistung und c die Lichtgeschwindigkeit.

Das bedeutet:
Selbst ein idealer Photonenantrieb erzeugt nur etwa 0,33 Nanonewton pro Watt.

In den frühen EM-Drive-Experimenten wurde jedoch von einem Schub-Leistungs-Verhältnis von etwa

5,3 Mikronewton pro Watt

berichtet.

Das entspricht dem rund 17.000-fachen dessen, was ein idealer Photonenantrieb liefern dürfte.

Und hier wird es physikalisch hochproblematisch. Selbst wenn man das System als nicht vollständig abgeschlossen betrachten würde – selbst wenn Energie-Masse-Äquivalenz nach Einstein berücksichtigt wird – bleibt der Impulserhaltungssatz unangetastet. Die Äquivalenz von Masse und Energie bedeutet nicht, dass man Impuls „aus dem Nichts“ erzeugen kann. Ein derartiges Ergebnis würde nicht nur ein Detailproblem darstellen. Es würde fundamentale physikalische Prinzipien infrage stellen.

„Aber die NASA hat es doch bestätigt?“

Oft wurde behauptet, die NASA habe die Wirksamkeit des EM-Drive bestätigt. Tatsächlich wurden Tests durchgeführt, aber:

  • Die gemessenen Kräfte lagen im Grenzbereich der Messgenauigkeit.

  • Die Versuchsanordnungen waren störanfällig.

  • Systematische Fehlerquellen waren nicht sauber ausgeschlossen.

  • Reproduzierbare, unabhängige Bestätigungen blieben aus.

Gemessen an der behaupteten Tragweite – nämlich einer Revolution vergleichbar mit dem Bruch des ptolemäischen Weltbildes – waren die experimentellen Belege erstaunlich schwach dokumentiert.

Und genau deshalb blieb die Fachwelt zurückhaltend.

Warum Skepsis hier keine Engstirnigkeit ist

Wissenschaft lebt von Offenheit. Aber sie lebt ebenso von methodischer Strenge.

Eine Entdeckung, die:

  • den Impulserhaltungssatz verletzt

  • eine völlig neue Ära der Physik einläuten würde

  • Antriebssysteme revolutioniert

muss außergewöhnlich sauber belegt werden. Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Beweise. Solange diese fehlen, ist Skepsis kein Dogmatismus – sondern wissenschaftliche Redlichkeit.

Nimmt man die derzeit etablierten physikalischen Gesetze ernst, ist ein geschlossener, reaktionsloser Antrieb unmöglich. Die wahrscheinlichste Erklärung für die gemessenen Effekte bleibt daher:

Messfehler. Systematische Störeinflüsse. Fehlinterpretationen.

Nicht Betrug. Nicht Verschwörung. Sondern ganz schlicht experimentelle Unzulänglichkeit. Sollten irgendwann reproduzierbare, robuste Belege vorliegen, wäre ich der Letzte, der sich gegen eine Neubewertung sperrt. Wissenschaft ist kein Glaubenssystem.

Bis dahin gilt jedoch:
Die bekannten Gesetze der Physik funktionieren außerordentlich gut – und der EM-Drive liefert bislang keinen zwingenden Grund, sie über Bord zu werfen.

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