„Quant e“, Pressefoto nanoflowcell.com aus dem Jahr 2014.
„Quant e“, Pressefoto nanoflowcell.com aus dem Jahr 2014.
Kurios und Lustig 02.03.2026 |   Ralf SchwalbeRalf Schwalbe

600 Wh/kg - Der Mythos des verkannten Genies

Eine kurze Recap nach etwas über 11 Jahren


NanoFlowcell ist ein Schweizer Forschungs- und Entwicklungsunternehmen, das seit Anfang der 2010er-Jahre ein ungewöhnliches Energiespeicher- und Antriebskonzept propagiert: eine Flow-Cell-Batterie für Elektrofahrzeuge, die angeblich hohe Energiedichten und schnelle „Betankung“ statt langsames Laden verspricht. Der Grundgedanke ist, zwei große Tanks mit Elektrolytflüssigkeiten zu verwenden, die durch eine Reaktion Elektrizität erzeugen – ähnlich dem Prinzip konventioneller Redox-Flow-Batterien, wie sie seit Jahrzehnten für stationäre Energiespeicher erforscht werden. NanoFlowcell zufolge würde diese Technik in Fahrzeugen herkömmliche Lithium-Ion-Batterien überflüssig machen und Reichweiten von mehreren hundert Kilometern ermöglichen.

Wir sollten uns doch einmal ansehen, was letztlich aus der Sache geworden ist. In meinem Original-Beitrag war ich sehr pessimistisch. Vielleicht etwas zu pessimistisch? Schauen wir uns den Stand heute einmal genauer an.

Original-Beitrag vom 20.08.2024

Nunzio La Vecchia, Doktor der  ... ja was eigentlich?, das verrät er irgendwie nicht, Sänger und Gitarrist, Cheftechniker und Unternehmer verspricht, ein Superauto entwickelt zu haben. Ein Elektroauto ohne klassische Batterie, sondern mit Flussbatterie angetrieben.

Vereinfacht ausgedrückt, Sie speichert elektrische Energie in chemischen Verbindungen, wobei die Reaktionspartner in einem Lösungsmittel in gelöster Form vorliegen. Die zwei energiespeichernden Elektrolyte zirkulieren dabei in zwei getrennten Kreisläufen, zwischen denen in der galvanischen Zelle mittels einer Membran der Ionenaustausch erfolgt. In der Zelle werden dabei die gelösten Stoffe chemisch reduziert bzw. oxidiert, wobei elektrische Energie frei wird.

Soweit die Wikipedia-Erkenntnis zu dieser eigentlich bekannten Technik. La Vecchia verspricht hier aber Energiedichten von 600 Wh/kg, herkömmliche Redox-Flow-Batterien (namentlich Zink-Brom-Akkumulator, der momentane Benchmark) kommen auf ca. 50 - 60 Wh/kg. Eine Steigerung der bisherigen Bestleitung um den Faktor 10 Respekt! Diese Daten sorgen natürlich für beeindruckende Leistungen des Fahrzeugs, 2300Nm, 480kw (etwa 650PS), 350km/h Spitze bei 600km Reichweite, mit einer Tankfüllung voll Salzwasser! Marktreif ist das Ganze laut Welt (ja, die renommierte deutsche Tageszeitung aus dem Hause Springer) bereits jetzt, Verkaufsstart wohl im kommenden Jahr.

Jetzt bin ich der Letzte, der neuer Technologie gegenüber nicht aufgeschlossen wäre, aber das hier schreit zum Himmel und keiner wagt es, skeptisch zu sein, weil man hinterher nicht als engstirniger, technologieungläubiger Hinterweltler dastehen will. Warum also sind so viele so skeptisch und lassen sich dazu verleiten, das Ganze sogar explizit als Humbug zu bezeichnen?

Nun, La Vecchia (NLV) ist kein unbeschriebenes Blatt, er hat vor fünf Jahren schon mal eine Wundersolarfolie medienwirksam präsentiert. Gigantischer Wirkungsgrad, vernachlässigenswerte Produktionskosten, Kooperation mit Koenigsegg, die Lösung aller Probleme. Heute redet niemand mehr darüber. Das ist auch keine Verschwörungstheorie, La Vecchia selbst verliert auch kein Wort mehr über das Thema. Aber Fördergelder hat er seinerzeit wohl massiv eingestrichen. Keiner weiß, wo er herkommt. Er hat nichts veröffentlicht, das auch nur den Eindruck erwecken könnte, er wäre auf mehreren Hochtechnologiefeldern der renommierten Wissenschaft Jahrzehnte voraus. 

Heute sind es also Wunderakkus statt Solarfolie. Blöd nur, dass jede genauere Information zur verwendeten Technik dem "Geschäftsgeheimnis" unterliegt. Der Prototyp des Quant e wird von einer ca. 30kW starken Blackbox angetrieben (da fehlt noch Einiges zu den versprochenen 480kW). Aber wenn ein attraktiver "Macher" ein paar wohlklingende Fantasienamen prägt (NanoFlowcell, Pyradian high-performance thin-film solar cell, Quandrit plasma reactor for electric power generation) dann stehen die, die immer noch auf die letzte Wahrheit in der Esoterik hoffen, bereitwillig Schlange, dabei ist "die Bereitschaft, an einen Messias statt an harte, unglamouröse Forschungsarbeit zu glauben, [...] offenbar groß." (Gregor Honsel)

Nein, der "Quant e" wird so sicherlich nie kommen. Wenn er jemals fährt und davon ist auszugehen, denn eine Staßenzulassung durch den den TÜV Saarland hat er bereits, dann kleiner, unspektakulärer und sicherlich teurer.

Wir wollen hoffen, dass es diese Redox-Flow-Batterie tatsächlich gibt, denn so etwas mobil zu bauen, wäre bereits ein enormer technischer Fortschritt. Die angekündigten Wundereckdaten bräuchte es gar nicht, um als Technikpionier dazustehen. Warum also so viel geschepper?

 

Zunächst muss man sauber trennen zwischen dem physikalischen Prinzip und dem unternehmerischen Versprechen. Redox-Flow-Batterien existieren. Sie sind elektrochemisch gut verstanden. Sie werden in stationären Anwendungen eingesetzt, weil sie langlebig, relativ sicher und gut skalierbar sind. Ihr struktureller Nachteil liegt in der Energiedichte. Genau deshalb stehen sie bislang nicht im Zentrum der automobilen Revolution. Lithium-Ion-Systeme haben sich durchgesetzt, weil sie bei Gewicht und Volumen deutlich effizienter sind.

NanoFlowcell behauptete von Beginn an, genau diese strukturelle Schwäche überwunden zu haben. Es wurden Energiedichten kommuniziert, die in der Nähe oder oberhalb klassischer Lithium-Ion-Batterien liegen sollten. Dazu kamen Aussagen über hohe Spannungen, besondere Elektrolyte („Bi-ION“), enorme Reichweiten und ein Betankungssystem, das an herkömmliche Kraftstoffe erinnern sollte. Die zentrale Frage lautete 2014: Gibt es belastbare, unabhängige Daten? Elf Jahre später lautet sie immer noch so.

Es existieren weiterhin Prototypenfahrzeuge, Designstudien, Messeauftritte und mediale Präsentationen. Es existiert eine professionelle Außendarstellung. Es existieren Ankündigungen zu Markteintritten, Kooperationen und Standorten. Was nicht existiert, sind öffentlich zugängliche, peer-reviewte Publikationen, unabhängige Labormessungen oder reproduzierbare technische Datensätze, die die behaupteten Leistungsparameter eindeutig bestätigen.

An dieser Stelle lohnt sich derselbe erkenntnistheoretische Maßstab, den wir bei klassischen Verschwörungsmythen anwenden: Wie hoch ist die Annahmenlast?

Um das NanoFlowcell-Narrativ im revolutionären Sinne für plausibel zu halten, muss man mehrere Dinge gleichzeitig annehmen. Erstens, dass es gelungen ist, ein seit Jahrzehnten erforschtes elektrochemisches Prinzip fundamental leistungsfähiger zu machen als alle etablierten Forschungsgruppen weltweit. Zweitens, dass diese Entwicklung über mehr als ein Jahrzehnt nicht durch offene wissenschaftliche Kommunikation begleitet wird. Drittens, dass trotz massiver globaler Investitionen in Batterieforschung kein anderer Akteur vergleichbare Durchbrüche publiziert oder industriell realisiert.

Das ist nicht unmöglich. Technologische Sprünge kommen vor. Aber sie hinterlassen Spuren. Sie zeigen sich in Patenten, in Fachartikeln, in Kooperationen mit Universitäten, in Zulieferketten, in Zulassungsverfahren, in realen Produkten auf dem Markt.

Genau hier liegt das Problem. Die technologische Revolution bleibt seit über elf Jahren im Stadium der Ankündigung.

Währenddessen hat sich der Markt weiterentwickelt. Lithium-Ion-Technologie wurde günstiger, leistungsfähiger und sicherer. Festkörperbatterien werden intensiv erforscht. Die Energiedichte konventioneller Systeme ist gestiegen, Ladezeiten wurden verkürzt, Produktionskapazitäten massiv ausgebaut. In diesem Umfeld hätte eine tatsächlich überlegene Flow-Cell-Technologie erhebliche disruptive Effekte gezeigt. Investoren, Automobilhersteller und Energiekonzerne stehen unter massivem Innovationsdruck. Eine belegte, skalierbare Alternative wäre strategisch hochattraktiv. Doch ein solcher industrieller Sog ist ausgeblieben.

Elektrochemisch betrachtet bleibt die Grundfrage bestehen: Wie soll eine flüssige Elektrolytlösung eine Energiedichte erreichen, die mit hochentwickelten, materialoptimierten Festkörper-Systemen konkurriert, ohne dass dies in der Fachliteratur Niederschlag findet? Chemische Energie ist keine Marketinggröße. Sie ist durch Redoxpotenziale, Konzentrationen und Materialeigenschaften begrenzt. Wer diese Grenzen signifikant verschiebt, erzeugt zwangsläufig wissenschaftliche Resonanz. Die Abwesenheit dieser Resonanz ist kein endgültiger Beweis gegen die Technologie. Aber sie ist ein starkes Indiz.

Hinzu kommt die Skalierungsfrage. Selbst wenn ein Laborprototyp vielversprechend wäre, bleibt der Schritt zur industriellen Massenfertigung enorm. Elektrolytproduktion, Infrastruktur für Betankung, Sicherheitskonzepte, regulatorische Zulassungen – all das erfordert Investitionen in Milliardenhöhe. Seit 2014 ist keine öffentlich dokumentierte industrielle Infrastruktur entstanden, die auf eine bevorstehende Marktdurchdringung hindeutet.

Man kann hier ein strukturelles Muster erkennen, das nicht verschwörungstheoretisch, sondern innovationsökonomisch ist: Solange eine Technologie primär in Präsentationen existiert, aber nicht in Lieferketten, bleibt sie ein Versprechen.

War ich 2014 zu pessimistisch?

Rückblickend lässt sich sagen, der Kern der Skepsis war nicht überzogen. Er bezog sich ausdrücklich nicht auf die prinzipielle Möglichkeit alternativer Energiespeicher, sondern auf die Diskrepanz zwischen Anspruch und Evidenz. Diese Diskrepanz besteht weiterhin.

Das bedeutet nicht, dass NanoFlowcell zwingend scheitern muss. Das Produktportfolio des Unternehmens ist deutlich gewachsen (Robotik, KI, Skalierung der Redox-FLow-Systeme), es existieren mehrere Fahrzeug-Prototypen, alles sieht wirklich gut und solide aus. Es bedeutet lediglich, dass außergewöhnliche technologische Behauptungen außergewöhnliche Transparenz erfordern. Und genau diese Transparenz ist bis 2026 nicht in dem Maße erkennbar, das eine Neubewertung rechtfertigen würde.

Die nüchterne Bilanz nach über einem Jahrzehnt lautet daher: Das Konzept existiert kommunikativ stabil. Die versprochene industrielle Realität hingegen bleibt noch aus. Zwischen Demonstrator und Marktreife liegt eine Lücke, die bislang nicht erkennbar geschlossen wurde.

In der Forschung gilt ein einfacher Grundsatz: Hypothesen gewinnen mit der Zeit entweder an Evidenz – oder sie stagnieren im Status der Behauptung. NanoFlowcell befindet sich elf Jahre nach den großen Ankündigungen weiterhin in genau diesem Zwischenraum.

Bitte überrascht uns, wir brauchen das!

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